Reicht festes Schuhwerk um Stürze zu vermeiden

Im Durchschnitt lernt jedes Kind im Alter von einem Jahr das Laufen. Vorsichtig zieht es sich entlang des Sofas hoch und sucht nach Gleichgewicht, bevor es langsam aber sicher den ersten Schritt macht.

Unser Gehirn entwickelt sich bis ins hohe Alter, lernt täglich neue Informationen kennen und passt das Gleichgewichtssystem dem Lebensstil an.

Dieses sogenannte Gleichgewichtssystem ist bei Kindern und Erwachsenen bis ca. 35 Jahren noch sehr gut ausgeprägt, da die Muskulatur sich schnell aufbauen und anpassen kann.

Bei verminderter Aktivität, nachlassender körperlicher Bewegung, verschlechtert sich auch das Gleichgewichtssystem. Stürze können hierbei eine Folge sein.

Oft ist ein Stolpersturz harmlos, jedoch leider nicht immer. Mit zunehmendem Alter können außer blauen Flecken zusätzlich Frakturen, Blutungen und Schmerzen unangenehme Folgen sein.

Im nachfolgenden Bericht erzählen wir über Sturzursachen, deren Maßnahmen zur Vorbeugung und der Qualitätskontrolle dienen, wie wir diese im Seniorensitz am Hegen täglich erleben. Hierfür haben wir die unterschiedlichen Berufsgruppen bei ihrer Arbeit begleitet und interviewt.

Das Durchschnittsalter der in den Hegen eingezogenen Bewohner beträgt ca. 80 Jahre. Zu 95% haben die Senioren Probleme mit ihrem Gleichgewicht.

Frau Stein, außer Muskelabbau und nachlassender Sinneswahrnehmung gibt es noch andere Aspekte, die einen Sturz auslösen können. Welche beobachten Sie in ihrer täglichen Praxis?

„Klassisches Beispiel wäre hier die Medikation. Häufig wird das Betäubungsmittel Oxycodon gegen die Schmerzen verschrieben. Als übliche Nebenwirkung ist der niedrige Blutdruck, der bei schnellem Positionswechsel, zum Beispiel in den Stand, einen Sturz auslöst“, berichtet die Teamleiterin des ersten Wohnbereichs.

Flüssigkeitszufuhr ist ein weiterer wichtiger Punkt. Ob mit einer Demenzerkrankung oder auch ohne, das Durstgefühl verändert sich im Alter und generell neigen alle Bewohner dazu, weniger als empfohlen zu trinken.

Ich und meine Kollegen achten darauf, dass die notwenige Zufuhr bei mindestens 1,5 l am Tag liegt.

Herr Zimmermann, es bestehen nun beispielsweise keine medizinischen Diagnosen, die einen Sturz auslösen. Warum reicht festes Schuhwerk trotzdem nicht aus, um Stürze gänzlich zu verhindern?

„Schuhe zu tragen ist ein guter Anfang, jedoch nicht ausreichend, um gänzlich die Stürze zu verhindern. Neben dem Gleichgewichtssinn benötigt man gute Stellreaktionen, um zum Beispiel beim Stolpern schnell reagieren zu können. Ebenso muss das Gangbild beachtet werden. Wer die Füße nicht hebt und schlurft, neigt dazu eher zu stolpern. Weiter ist es wichtig, dass auch die Augen ihren Dienst weiter ausführen. Diese haben die Aufgabe die Gefahren zu erkennen und zu überwinden.

Eins noch… Feste Schuhe sind nicht gleich gute Schuhe. Es gibt hohe und flache Schuhe, sowie Sandalen. Am besten geeignet sind Turnschuhe mit Schnürsenkel oder Klettverschluss“, so der Physiotherapeut.

Frau Bassler, Sie leiten den kompletten dritten Wohnbereich und arbeiten größtenteils mit demenziell veränderten Bewohnern. Ihre Kollegin hat berichtet, dass Flüssigkeitszufuhr eine wichtige Rolle spielt. Anhand welcher Maßnahmen gelingt es Ihnen den Überblick über jeden einzelnen Bewohner zu behalten?

„Keine einfache Frage. Ehrlich gesagt, ist es schlichtweg unmöglich bei jedem Einzelnen auf jeden Milliliter zu achten. Hierbei ist besonders die Teamarbeit gefragt.

Während der Dienstübergabe spreche ich mit meinen Kollegen jeden einzelnen Bewohner an. Auf Faktoren wie Hautbeschaffenheit, trockener Mund oder Konsistenz des Urins wird zum Beispiel geachtet.

Auf gezielte Beobachtung legen wir ebenfalls viel Wert. Dadurch, dass wir täglich am Bewohner sind, kennen wir auch seine Verhaltensweisen. Wirkt der Bewohner unerwartet müde oder verwirrt, ist dies ein Zeichen für uns, genauer hinzuschauen.

Eine zunehmende Bedeutung nimmt die Biografiearbeit, vor allem bei demenzkranken Bewohnern, ein. Wir achten auf die Vorlieben, auf Abneigungen, auf Rituale und selbstverständlich auf die individuellen Wünsche.

Gibt es auch Tricks?

Ja. Wenn der Bewohner zum Beispiel Teilnahme am Tagesgeschehen ablehnt und den Tag lieber im Zimmer verbringt, stellen wir täglich frische Wasserflaschen rein, diese markieren wir dann und prüfen in regelmäßigen Abständen, wie viel der Bewohner bereits getrunken hat“.

Frau Wagner, Sie und Ihr Leitungsteam schätzen die Gefährdungspotenziale bei jedem neueingezogenem Bewohner ein. Dies ist ebenfalls ein Teil der Qualitätskontrolle. Wofür gibt es diese und welche Kriterien sind bei der Sturzgefährdung wichtig?

„In den Seniorensitz am Hegen ziehen pflegebedürftige Senioren ein, die in ihrer Häuslichkeit selbstständig nicht mehr zurechtkommen und daher auf Unterstützung angewiesen sind.

Daher ist es die wichtigste Aufgabe für mich und meine Leitungskräfte für die größtmögliche Lebensqualität und Sicherheit aller Bewohner zu sorgen“, berichtet die Pflegedienstleiterin.

„Neben der optischen Befundung des Bewohners, gibt es noch die sogenannte Gesamtrisikoeinschätzung. Inhalt dieser ist es das individuelle Risiko des Bewohners zu erkennen, Gefahren abzuwenden, richtige Maßnahmen zu planen und diese im Tagesgeschehen aktiv zu leben.

Zu den Kriterien der Sturzgefährdung zählen zum Beispiel Punkte, die meine Kolleginnen vorhin schon erwähnt haben. Krankheitsbilder, Medikamente, Ernährung, körperliche Verfassung, Sensibilitätsstörungen, Krankheitseinsicht, u.a.“

Frau Döhring, Sie als Physiotherapeutin sind die Expertin im Gebiet der motorischen Fähigkeiten. Ihre Aufgabe ist es alltagsnahe Maßnahmen zu entwickeln, um Stürze zu vermeiden. Welche Maßnahmen können es sein und welche von den haben sich aus Ihrer Sicht am Meisten bewährt?

„In der Theorie gibt es allerlei Maßnahmen, um Stürze zu verhindern. Dieses Paket ist wie gesagt „allgemein“. Um das Richtige für jeden Einzelnen herauszufiltern, schau ich mir als Erstes die Diagnosen an. Im Erstgespräch mit dem Klienten lässt sich recht schnell die Therapiebereitschaft feststellen. Wer aktiv und motiviert an seinen Defiziten arbeitet, erreicht meist auch sein Ziel.

Welche Maßnahmen bewähren sich am besten… Hmm… Um die Frage beantworten zu können, wende ich ein praxisbezogenes Beispiel: Hr. X. hatte einen Schlaganfall. Nach der REHA ist er für die Häuslichkeit noch nicht fit genug, da die Koordination und das Gleichgewicht bei alltäglichen Handlungen eingeschränkt sind.

Meine übergeordneten Maßnahmen in diesem Fall wären: Hr. X. testet seine eigenen Grenzen und lernt sich selbst einzuschätzen. Nach dem der Klient seine eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen kann, baue ich die Therapie erst richtig auf indem ich schrittweise sein Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und Handling am Rollator verbessere“.