Wenn das Hunger- und Durstgefühl sich verändern

Wenn das Hunger- und Durstgefühl sich verändern

Wenn ein Baby Hunger hat und sich nicht artikulieren kann, fängt es an zu schreien.

Wenn ein Jugendlicher den Appetit verspürt, kauft er sich etwas (meist ungesundes) an der nächsten Imbissecke.

Ein Erwachsener hingegen geht zum Kühlschank und bereitet aus frischen Zutaten eine ausgewogene Mahlzeit vor.

Hunger, ist eins der Grundbedürfnisse der Menschen. Die Ernährung versorgt den Körper jeden Tag mit lebenswichtigen Substanzen, liefert Energie und hält im Idealfall gesund und aktiv.

Richtige Nahrung versorgt den Körper mit allen Nährstoffen in der nötigen Menge, die der Körper braucht, um abgebaute und ausgeschiedene Stoffe auszugleichen.

Was und wie viel gegessen wird, hängt stark von der Wahrnehmung und Emotionen ab.
Wie etwas schmeckt (z.B. sauer, süß, bitter) nimmt der Mensch über die Geschmackspapillen der Zunge wahr.

Nicht nur die Zunge spielt eine Rolle bei der Mahlzeitenaufnahme, sondern auch der Geruchssinn. In der Nase befinden sich Millionen von Riechzellen, die über den Riechnerv mit dem Gehirn verbunden sind. Über einen Teil der Nervenfasern besteht außerdem eine Verbindung mit dem sogenannten limbischen System (Teil des Gehirns, der für emotionale Reaktionen zuständig ist). Dadurch können Geruchsempfindungen zu angenehmen und unangenehmen emotionalen Reaktionen führen (z.B. Übelkeit bei unangenehmen Geschmacksempfindungen).

Auch die Optik beeinflusst das Essverhalten. Das was für das Auge attraktiver erscheint, wird auch mit einem größeren Appetit verzehrt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir ernähren uns, weil unser Körper Energie benötigt (zum Wachsen, Denken, Handeln und Bewegen).

Auch ist es uns bewusst, dass der Körper zu einem großen Teil aus Wasser besteht. Der menschliche Stoffwechsel funktioniert nur, wenn dem Körper ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Durch Schwitzen, Atmen sowie durch die Ausscheidungen gehen unter normalen Umständen im Lauf eines Tages etwa 1-2 Liter Wasser verloren. Dieser Verlust muss über Getränke wieder ausgeglichen werden, denn schon auf kleinste Abweichungen im Wasserhaushalt reagiert der Körper mit erheblichen Veränderungen.

So viel erst einmal zum Basiswissen…

Es kann jedoch aber auch sein, dass der Geschmacksinn im Alter nachlässt. Die Degeneration der Geschmacksnerven führt dazu, dass das Essen tatsächlich nicht mehr schmeckt.

Betroffene ohne kognitive Defizite beginnen mit der Kompensation an und passen die Mahlzeiten der Geschmacksnerven an (es wird z.B. mehr Salz in das Essen gestreut, süße Speisen werden bevorzugt…)

Ein Betroffener mit neurologischen Defiziten ist selbstständig nicht in der Lage zu kompensieren und anzupassen. Hinzu kommen noch weitere Defizite, wie

-Speisen werden als solche nicht erkannt
-Handlungsabläufe sind eingeschränkt, Umgang mit Besteck ist nicht mehr möglich
-innere Unruhe, die nicht zulässt, sich auf die Mahlzeiten zu konzentrieren

und weitere…

Wie gestaltet sich also die Ernährung bei Demenzkranken im Seniorensitz am Hegen?

„Bei einer Neuaufnahme wird in der Regel als erstes das Gewicht ermittelt. Besteht ein Gefährdungspotenzial, so erfolgt eine enge Kommunikation mit dem zuständigen Arzt, die Evaluation der Ergebnisse geschieht im 14-tätigen Rhythmus. Ist dies nicht der Fall, so findet die Kontrolle alle vier Wochen statt“, betont die Pflegedienstleiterin Meike Wagner.

„Die Erstellung des Mahlzeitenplans erfolgt dann direkt im Anschluss. Hierbei wird Rücksicht auf die biografische Anamnese genommen, Vorlieben und Abneigungen werden mit protokolliert. Ist der Bewohner nicht in der Lage verbal seine Wünsche zu artikulieren, so wird der Kontakt zu den Angehörigen aufgenommen, ggf. kann die Mahlzeitenplanung auch durch die Beobachtung erfasst werden.

Nach jahrelanger Erfahrung lässt sich feststellen, dass die Maßnahme, das Gewicht zu stabilisieren, zwischen 6-8 Wochen dauert.

Lässt sich die Stabilisierung des Gewichts nach diesem Intervall nicht feststellen, werden die Maßnahmen neu formuliert. In dem Fall werden der zuständige Arzt, der Küchenbereich und die Angehörigen hinzugezogen. Engmaschig wird dann kontrolliert, evaluiert und gelenkt, bis das Gewicht stabil und für den Bewohner akzeptabel ist“, erzählt die langjährige Pflegedienstleitung.

Nach der Ermittlung der zuvor genannten Daten wird geplant.

Hierfür sind Rahmenbedingungen (wie reizarme Umgebung, gute Lichtverhältnisse, Raumtemperatur) und Maßnahmen notwendig.

Folglich werden beispielhafte Maßnahmen näher geschildert.

Die demenzkranken Bewohner bevorzugen bekannte Gerichte aus der deutschen Küche. So wird auch im Hegen darauf geachtet, dass mehrere Gerichte (Herzhaft, Süß und vegetarisch) zur Auswahl stehen.

Des Weiteren wird der Umgang mit Kontrasten beobachtet. Deutliche Kontraste zwischen Tischdecke/Tischläufer, Teller und Speisen sind an dieser Stelle sehr wichtig. Einfarbige Gestaltung wird schlecht gesehen, falsch interpretiert und somit ist das Ergebnis ausreichender Mahlzeitenaufnahme fehlgeschlagen (z.B. weiße Suppe in einer weißen Tasse auf dem weißen Tischläufer)

Der Mahlzeitentisch wird übersichtlich eingedeckt. Dieser soll das Gefühl wie aus der Häuslichkeit vermitteln. Reichlich gedeckter Tisch, vermittelt dem Bewohner den Eindruck ein Teil der Gesellschaft zu sein. Gemeinsam zu Essen bringt noch weitere Ziele mit sich, soziale Kontakte können geknüpft werden. Sollten Handlungsabläufe nicht mehr wie früher funktionieren, kann sich der Demenzkranke diese beim Essen abgucken und nachmachen.

Das Temperaturempfinden lässt bei einem demenzkranken Bewohner ebenfalls nach, daher wird darauf geachtet, dass das Essen und die Getränke nicht zu heiß serviert werden.

Ist die Krankheit schon im weit fortgeschrittenen Stadium und mit einer Handlungsstörung verbunden, macht es durchaus Sinn, dem Bewohner mit den Fingern essen zu lassen. Das sogenannte „Fingerfood“ kann z.B. aus geschnittenen Fleischstücken, Gemüse-Stücken und Kroketten bestehen.

Ein ganz wichtiger Punkt muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Während viele Geschmackssinne nachlassen, bleibt das Empfinden „Süßes“ wahrzunehmen bis zum Schluss.

Die demenzkranken Bewohner bevorzugen im fortgeschrittenen Stadium süße Getränke (z.B. Säfte, Kakao) und süße Speisen (z.B. Kaiserschmarrn, Vanillepudding, Joghurt).

Wie in vielen Moin-Moin Ausgaben wird explizit darauf hingewiesen, dass jede demenzielle Erkrankung individuell und herausfordernd ist.

Die hier beschriebenen Maßnahmen sind kein „Patent-Rezept“ sondern nur eine Möglichkeit.

Am Hegen Berücksichtigen wir alle Individualitäten und gestalten die Mahlzeiten ausrichtend speziell auf die Biografische Anamnese und Präferenzen unserer Bewohner.